A new Star is born - Die 1. TEXTILE ART BERLIN 2005
Deutsche Stickgilde e.V., Mitgliederzeitschrift, Ausgabe Herbst 2005
Die Textile Art Berlin 2005 war für Berlin eine Premiere. In Berlin sollte eine innovative Messe entstehen, die die ganze Vielfalt der Textilkunst widerspiegelt. Es ist als durchaus positiv anzusehen, daß die Initiatoren nämlich Natacha Wolters zusammen mit ihrem Mann Christof, solch eine Ausstellung förmlich aus dem Boden gestampft haben. Die Idee war zu versuchen für Berlin etwas Einmaliges und Besonderes aufzubauen, ein Treffen von und mit Textilkünstlern zu schaffen und nicht eine Hobbyausstellung. Die Teilnehmer selbst wurden vom Veranstalter einzeln ausgesucht. Es wurden unterschiedliche Textilkünstler, Vereine, Organisationen rund um die Textilkunst eingeladen. Auch die Deutsche Stickgilde bekam – der Kontakt kam über Daniele von Fischer – eine Einladung. Der Vorstand stimmte diesem Anliegen zu.
Gesagt getan. Ein gemeinsames Konzept mit Daniele von Fischer wurde erarbeitet, schließlich wollten wir alle unseren Verein entsprechend präsentieren. Wir legten großen Wert darauf, dass unsere Stände direkt nebeneinander lagen. Anne Lange, Gaby Prüter, Heike Vollmar und ich fuhren also nach Berlin mit vielen eigenen Werken und einigen Objekten unserer Studentinnen im Gepäck.
Am Freitagabend, dem Aufbautag (mit tatkräftiger Unterstützung meines und Annes Mann) waren wir alle zuerst etwas erschreckt. Die Max-Taut-Schule machte auf uns den Eindruck einer etwas kahlen und unwirklichen Umgebung. Aber nachdem alle Aussteller ihre Wände mit den Ausstellungsexponaten dekoriert hatten, die Tische mit dem Informationsmaterial und Anschauungs- und Verkaufsobjekten versehen waren, wirkte die ganze Umgebung schon etwas heimeliger, wärmer und ansprechender. Während der Messetage haben wir dann erfahren, daß die lichtdurchfluteten Räume der Max-Taut-Schule in Berlin-Lichtenberg denkmalgeschützt sind und demzufolge nichts verändert werden darf.
Gaby hatte ihren Stickstände mitgebracht und zeigte dem interessierten Publikum eine Schwarzstickerei mit Hamburger Motiven und ich arbeitete an meinem 2. Studienprojekt zum Masters Degree I, nämlich der jakobinischen Stickerei.
Die Textil-Ausstellung, auf der u. a. die »Schwimmerin«, eine Schwarzstickerei von Daniele ausgestellt wurde, war phänomenal (siehe hierzu auch den Einschub von Irmtraut Dreyer und Anne Lange, die zum Ausdruck bringen, welche wunderbaren textilen Werke mit unterschiedlichen Techniken aus den unterschiedlichsten Materialien gezeigt wurden).
Unser Stand gab einen Überblick über die Arbeit des Vereins, informierte über die Ausbildung zum Masters’ Degree und über die in Frankfurt stattfindenden Workshops sowie über die jährlich stattfindenden Stickstudienreisen. In vielen Gesprächen und bei unseren Vorführungen konnten wir den interessierten Besuchern viel Neues zeigen, da die meisten überhaupt noch nie etwas von der Deutschen Stickgilde gehört hatten. Auch hatte sich bewährt, dass Daniele von Fischer direkt neben uns ihren Stand hatte. Wir konnten uns gegenseitig super austauschen und die Textil-Interessierten direkt zu ihr lotsen, um zu zeigen, welche TENTAKULUM-Garne es z. B. gibt und wer die Ansprechpartnerin des Vereins für Berlin und Umgebung ist.
Übrigens:
Speziell für diese Messe wurde ein neuer Vereins-Flyer entworfen, der auch gerne von Euch für Messen, Ausstellungen und zum Werben von neuen Mitgliedern angefordert werden kann. Wer interessiert ist, schicke uns einfach ein e-mail.
Mehr als 1.000 Besucher waren an den beiden Ausstellungstagen in der Max-Taut-Schule. Vom Veranstalter wurde auch besonders unser Stand gelobt und mit den Attributen »schöner Stand« und »gute Beratung« versehen.
Hier nun die Eindrücke von Irmtraut Dreyer:
»Mein Mann und ich haben die Ausstellung einen ganzen Tag lang genossen. Wir haben gestaunt, was für das 1. Mal auf die Beine gestellt wurde und sind sicher, das nächste Mal wieder hinzufahren. Besonders lehrreich waren die offenen Gespräche mit den Textilgestalterinnen. Dies muß in der früheren DDR eine besondere Ausbildung gewesen sein. Die Idee Mullbinden einzufärben und damit kreativ zu gestalten, werde ich sicher aufnehmen. Ein besonders hohes Können hatte m.E. die russische Maschinenstickerin (Tatjana Golder, Anm. d. Red.), auch wenn die Ausstrahlung einer Handarbeit ganz anders ist.
Ein besonderes Lob gilt hier sicher auch allen fleißigen Helfern, die keine Kosten und Mühen gescheut haben, die Deutsche Stickgilde liebevoll und umfangreich zu vertreten.
von Anne Lange:
»Mir hat die Textile Art Berlin sehr gefallen! Allein schon deshalb, weil wirklich die ganze Bandbreite der Textilkunst gezeigt wurde, was ja sonst (abgesehen von den Sticheleien in Michelstadt) in Deutschland wirklich selten ist. Und ich fand es spannend, die Berliner Szene kennenzulernen.
Aufgrund eines Missverständnisses gab ich während der Veranstaltung vier verschiedene Stickkurse. Ich hatte diese ursprünglich als Vorschläge eingereicht, von denen die Veranstalter sich den einen oder anderen hätten aussuchen sollen. Aber als ich das nächste Mal Nachricht aus Berlin bekam, waren schon alle vier Kurse ausgeschrieben! Dadurch war ich natürlich ziemlich beschäftigt, aber ich fand trotzdem noch die Zeit, selber einen Kurs zu belegen und mir alle Stände und Ausstellungsstücke genau anzusehen.
Es gab so viele interessante Frauen kennenzulernen: Filzerinnen mit WIRKLICH neuen Kreationen, besonders im Bereich Nuno-Filz, Kimono-Schneiderinnen, Klöpplerinnen mit experimentellen Spitzen, die Berliner »Bead People« mit ihren Perlenkreationen. Es gab durchbrochene Quilts, also Quilts, durch die man hindurchsehen konnte, Miniatur-Applikationen als Landschaften, Hüte, ausgestopfte Steckenpferde, Danieles edles Goldwork und Burkhardts handgedrehte Glasperlen, es gab Gewebtes und Vernetztes, Blumenteppiche, riesige gestrickte Landschaften und vieles, vieles mehr. An alles kann man sich hinterher einfach gar nicht erinnern. Auch unser Stand fand reges Interesse. Adelheid hatte alles chronologisch aufgebaut, so dass die Besucher den Ablauf unserer umfangreichen Stick-Ausbildung anhand der gezeigten Projekte genau verfolgen konnten.
Besonders beeindruckt haben mich die Arbeiten der Berliner Textilkünstlerinnen Helga Graupner, Margot Schwarz und Petra Helbig: hand- und maschinengestickte Collagen mit selbstgeschöpftem Papier und in Verbindung mit Metall. Entsprechend genoss ich auch den zweistündigen Workshop bei Anke Pradel, einer Schülerin von Margot Schwarz. Wir haben Stoffcollagen gemacht, eigentlich nichts Besonderes, aber es war so entspannend zwischen den eigenen Kursen. Wir haben Stoffe in Stücke gerissen, hauptsächlich Organza und dann »liederlich« bestickt. Weil: »liederlich jestickt sieht ooch jut aus« – das war eine für Tentakulum-Studentinnen recht ungewohnte Botschaft.
Und während ich (in brütender Nachmittagshitze) liederliche Cretanstiche zwischen Stofffetzen stichelte und so schlampig wie möglich eine Nadelspitze über goldenem handgeschöpftem Papier knotete, sah ich auch noch am Nachbartisch den Teilnehmerinnen des Parallel-Kurses über die Schulter: Sie experimentierten mit Metall. Schade, dass ich anfangs (wir konnten uns ja aussuchen, an welchem Tisch wir was ausprobieren wollten) so bei mir dachte, ach nee, Metall ist nicht so mein Ding, ich bin ja Stickerin. Aber da war ich halt noch begrenzter in meinem Denken als zwei Stunden später! Während des Kurses fiel mir ein, dass ja auch Goldwork Metall ist! Nun schwebt mir etwas vor aus rostigen Muttern und kupferfarbenem Lahn. Und etwas aus handgeschöpftem Papier, mit Blackwork bestickt. Solide Handwerksbasis in Verbindung mit ungewöhnlichen Materialien – was für eine Faszination! Ich konnte »hochschwanger« mit neuen Ideen nach Hause fahren.
und von Christine Wellnitz:
»Getäuscht(?), enttäuscht(!) und doch begeistert!!!«
»Die Ausstellung hinterließ bei mir eine etwas zwiespältige Meinung.
Eigentlich erschien mir der Aufwand und die Kosten für die Reise von Köln aus zu hoch. Doch angeregt durch die äußerst professionelle Internetseite und Anzeigenkampagne machte ich mich schließlich doch kurzentschlossen mit der Bahn auf den Weg (morgens hin, abends wieder zurück).
Mit der Professionalität war bereits an der im Internet angegebenen S-Bahnhaltestelle Schluss. Nirgendwo befand sich ein Hinweisschild. Nur wer Stadtplan und Adresse zur Hand hatte war auf der sicheren Seite und fand den Weg leicht (ich gehörte auch dazu). Bereits beim Zulaufen auf das betreffende Schulgebäude beschlichen mich erste Zweifel. Im Internet war von »hervorragend geeigneten Räumlichkeiten« die Rede. In diesem abgewrackten Gebäude?
Und dieser erste Eindruck hielt leider bis zum wieder angetretenen Heimweg an. Völlig lieblos waren die vielen Künstlerinnen und Handwerkerinnen in den wenig repräsentativen Gängen des Schulgebäudes »verstaut« worden. Die veranstalteten Workshops waren schlecht bis gar nicht ausgeschildert. Selbst die schönsten Kunstwerke konnten ihre Schönheit an den unschönen Flurwänden nicht entfalten. Da war alle Mühe der Standleute vergebens – »unser« Stand, der Stand des »Stickzentrums Frankfurt«, bildete da keine Ausnahme, was wie gesagt nicht an unserem sehr engagierten Standpersonal/Mitgliedern lag. Ich war also so richtig getäuscht worden und meine Erwartungen waren demzufolge auch ein Stück weit enttäuscht worden. Aber:
Die gezeigten textilen Kunstwerke – ob einfach oder hoch kompliziert – haben mich begeistert und zum Teil sehr fasziniert! Ich habe meinen Ausflug nach Berlin überhaupt nicht bereut, mir viele neue Ideen von dort mitgebracht und viele sehr nette Gespräche geführt. Man schaut als interessierter Insider natürlich genauer hin und lässt sich durch Äußerlichkeiten vor Ort nicht täuschen; aber eben nur als Insider. Eine gute Werbung für die Textilkunst war das deshalb noch lange nicht. Schade!«
Falls Ihr noch etwas speziell über die Textile Art nachlesen wollt, auf der ausführlichen Homepage www.textile-art-berlin.de gibt es noch Infos.
Wir sollten das Angebot wahrnehmen und in 2006 auch wieder nach Berlin fahren. Eine überregionale Präsentation ist wichtig für unseren Verein um die Ziele, Kursmöglichkeiten sowie das weitere Spektrum dem interessierten Publikum zu vermitteln.
Text: Adelheid Voigt.
Anmerkung der Redaktion:Zwischenzeitlich hat sich die Deutsche Stickgilde um ein ganzes Klassenzimmer auf der kommenden Textile Art Berlin 2006 beworben. Der Termin ist: 17. und 18. Juni 2006!!
Wir danken der Autorin und der Deutschen Stickgilde (www.deutsche-stickgilde.de ) für die Zustimmung zur Veröffentlichung dieses Artikels.
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